Professor Dietrich Grönemeyer

Wir müssen das Handwerk auf Händen tragen

Interview mit Prof. Dietrich Grönemeyer

Dietrich Grönemeyer (geboren 1952) ist praktizierender Arzt und Autor sowie Professor emeritus an der Universität Witten/Herdecke. Der Rückenexperte leitet das Grönemeyer Institut für Mikrotherapie in Bochum und an weiteren Standorten in Deutschland. Er hat zahlreiche Bestseller veröffentlicht, u.a. „Mein Rücken“. Über den Rücken und die damit verbundenen Probleme, vor allem für Handwerkerinnen und Handwerker, haben wir mit Prof. Grönemeyer gesprochen.

Blauarbeit: Herr Prof. Grönemeyer, jeder zweite Handwerker leidet unter Rückenschmerzen, Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für Krankschreibungen. Was sind denn die häufigsten Rückenprobleme bei Handwerkern?

Grönemeyer: Je nachdem, in welchem Beruf man tätig ist. Ist es stehende Arbeit oder sitzende, kniende Arbeit. Ist es Arbeit über Kopf? Oder muss man schwere Gewichte heben? Also je nachdem, was man gerade durchführt und wie fit man körperlich ist, sind ja unterschiedliche Strukturen des Körpers gefährdet oder belastet. Der Rücken setzt sich zusammen aus Knochen an sich, den kleinen Gelenken, mit denen wir uns nach vorne oder zur Seite bewegen oder uns drehen, und den Bandscheiben als Puffer. Wir haben die Muskulatur und den Sehnenapparat und die umliegenden Gelenke, Schultern oder Oberschenkel beispielsweise. Je nachdem, wie man an diesen Stellen eben unterwegs ist, wie man trainiert ist, kann es von der Halswirbelsäule bis zur Lendenwirbelsäule und bis zu den Gelenken immer wieder Probleme geben.

Blauarbeit: Ein Fliesenleger hat eine ganz andere Belastung als ein Maurer?

Grönemeyer: Ja, eindeutig. Der Fliesenleger hat da das Problem, dass er, wenn er nicht auf seine Knie aufpasst, diese wirklich ruiniert mit der Zeit. Das heißt also, er kniet möglicherweise ohne Unterstützung und hat den Kopf nach vorne gerichtet und gedreht. Er hat eine hohe Last, die in dem Moment auf der Halswirbelsäule liegt, und zwar im oberen Hals- und Brustwirbelbereich. Der Maurer, der einfach ganz stark nach vorne gebeugt arbeitet oder trägt, hat natürlich die ganze Wirbelsäule als Gefährdungsgebiet. Der Anstreicher, der ganz viel über Kopf arbeitet, hat eine irre Last. Ich kann das nachvollziehen, weil ich vor einiger Zeit bei mir selbst gestrichen habe und dachte: Boah, was machen die für einen harten Job! Dieses ständige nach oben gucken, die Arme hoch – das ist eine irre Last, die hier auf der auf dem Schulterbereich sowie dem Nacken und Brustwirbelbereich liegt.

Blauarbeit: Sie streichen zuhause selbst?

Grönemeyer: Ja zwischendurch. Ich mache das gerne. Ich bin Microtherapeut geworden. Jemand, der ganz klein und fein operiert. Ich habe in der Kindheit und Jugend unglaublich viel gebastelt und wollte Tischler werden nach der Mittleren Reife. Mein Vater meinte aber, ich sollte erstmal das Abitur machen. Dabei hatte ich mir schon selbst eine Lehrstelle besorgt. Ich hätte Holzbootsbauer werden können, hatte bereits in Kiel einen Ausbildungsplatz gefunden und das vom Ruhrgebiet aus. Ich hätte beginnen können. Schon als Kind war ich handwerklich unterwegs: habe Möbel und ferngesteuerte Flugzeuge gebaut, mit der Laubsäge gearbeitet, montiert, angestrichen. Mich hatte Handwerk an sich immer begeistert und ich sage auch ganz klar, dass „im Handwerk von gestern das Knowhow von morgen“ liegt. Und das brauchen wir.

Blauarbeit: Das heißt, bei Ihnen ist also durchaus eine gewisse Affinität zum Handwerk vorhanden. An mangelnder Bewegung kann es im Handwerk nicht liegen, dass es da so viele Rückenprobleme gibt. Man ist körperlich aktiv, und das soll doch eigentlich gut sein.

Grönemeyer: Das ist es ja auch erstmal. Grundsätzlich hat das ja immer etwas mit der Dosis zu tun. Wie in der Medizin: Auf die Dosis kommt es an. Was tut gut und wann wird es zu viel und eine Gefahr? Und wann wird auch ein gutes Medikament selbst krankmachend? So ist das auch mit der körperlichen Belastung. Dazu kommt, dass der menschliche Körper ja keine Maschine ist, wo man mal ein Rädchen austauschen kann. Körperliche Reaktionen haben ja auch viel mit der Psyche zu tun. Also wenn ich noch gleichzeitig unter Stress stehe, unter Mobbing leide oder gerade einen geliebten Menschen verloren habe, die Trauer mich bedrückt und deren Last mir auf den Schultern liegt. Unter solch einer emotionalen Last reagiert unsere Muskulatur und verspannt, auch der Rücken; und kann dort Probleme auslösen oder verstärken.

Es kommt noch etwas weiteres dazu. Die Frage der Ergonomie, also wie arbeite ich eigentlich? Arbeite ich mehr aufrecht? Achte ich darauf, dass ich genügend Pausen mache zwischendurch, dass ich mich dehne? Es ist nicht üblich, dass man arbeitet und zwischendurch die ganze Muskulatur streckt, damit in den alten Zustand zurück geht oder die Sehnen dann wieder in die Ausgangsposition gebracht werden. Mal kurz den ganzen Körper lockern. Auch das Herz entspannen, den Kopf entspannen. Das macht man in der Regel nicht, weil man auch als Handwerker denkt „das kannst du sowieso alles aushalten. Deshalb bist Du ja Handwerker geworden. Du bist fit. Forever.“ Wenn ich darüber nachdenke, stelle ich fest, dass ich auch nicht unsterblich bin. Ich bin kontinuierlich belastet mit allem, was ich tue. Wir alle denken ja, wir könnten ewig arbeiten und gesund bleiben und uns ewig erfreuen an dem, was wir tun. Aber das ist nicht so.

Blauarbeit: Das heißt, wahrscheinlich liegt das auch an den immer gleichen Bewegungen, die man jeden Tag macht, oder?

Grönemeyer: Ja. Aber wenn man ins Fitnessstudio geht, macht man ja auch immer die gleichen Bewegungen. Es entwickeln sich Muskeln. Gerade beim Maurer, der mit Steinen arbeitet oder Betonsäcke schleppt, Sand schüppt oder Zement rührt. Das sind alles Aktivitäten, die auch erst einmal muskelbildend sind. Die Muskeln von Handwerkern sind insofern viel besser als die von Jungs und Mädels, die ins Fitnessstudio gehen, die gucken ja nur nach der Schönheit. Der Handwerker braucht die Funktion. Das beste Fitnessstudio wäre eigentlich handwerkliche Arbeit. Das Problem ist also nicht die immer gleiche Arbeit, sondern die fehlende Entspannung zwischendurch. Spannung ist da, aber die Entspannung fehlt. Zwischendurch den Arm überstrecken, gerade strecken, die Fingerspitzen nach oben oder auch nach unten ziehen beispielsweise.

Oder auf dem Stuhl den Rücken drehen und nach oben und nach unten beugen und strecken. Dieses Element ist unheimlich wichtig. Oder der Handwerker, der über Kopf arbeitet und eine starke Nackenmuskulatur hat. Einfach die Nackenmuskulatur  zwischendurch fünf  Minuten lockern, indem man beispielsweise den Kopf ganz ruhig zur Seite dreht, nach vorne und hinten beugt, zur Seite zieht und richtig spürt. Man merkt, wie sich die die Muskulatur und die Sehnen mit leichtem Schmerz wieder öffnen

Blauarbeit: Also einfach mehr darauf achten, dass man so was macht?

Grönemeyer: Darauf achten und auch wissen, was man dann macht. Auf seinen Körper hören und nicht einfach nur durchmachen, wenn man Schmerzen spürt. Der Schmerz ist ja im Grunde eine Ampel des Körpers. Jeder Schmerz weist darauf hin: Mensch, pass auf, jetzt nicht weitergehen oder nicht zu stark weitergehen, denn gleich könnte etwas reißen. Oder die Bandscheibe könnte rauskommen. Und wenn man merkt, der Schmerz ist da, spätestens dann mal Entspannung einlegen oder eine neue Übung zwischenschalten. Hört sich jetzt doof an, weil wir ja getaktet arbeiten. Als Angestellter steht man häufig unter Zeitdruck. Der Zeitdruck spielt eine Riesenrolle, weil ich mich verspanne, wenn ich das Gefühl habe, ich muss jetzt durchhalten, den Takt halten. Wenn ich das nicht leiste, kriege ich mein Gehalt nicht oder meinen Bonus nicht. Das ist falsch. Da kann ich den Arbeitgebern nur ins Gewissen reden. Was nützt mir der Arbeiter, die Arbeiterin, wenn sie am nächsten Tag krank ist oder für lange Zeit ausfällt, weil sie überbelastet ist. Dann nützt mir der kurzfristige Profit nichts mehr und ich verliere möglicherweise einen meiner besten Leute.

Blauarbeit: Wie gefährlich sind denn Schutzhaltungen?

Grönemeyer: Sie zwischendurch einzusetzen, ist sehr wichtig. Deshalb heißt das ja auch Schutzhaltung. Auf Dauer gilt wieder dasselbe: Alles, was ich zu einseitig mache und mit zu wenig Spannung und Entspannung durchführe, ist dem Körper nicht zuträglich. Meine Vision, die ich schon vor 30 Jahren hatte, sind unterstützende Technologien, die mir helfen, auch schwere Gewichte zu tragen. Zum Beispiel intelligente Unterstützungssysteme bis hin zu Roboticsystemen, die mir helfen, die Arme entlastend zu bewegen oder Überkopfarbeit zu erleichtern. Das ist eine Riesenmöglichkeit in unserer hoch technologischen Zeit. Das Team, mit dem ich arbeite, langfristig zu schützen und zu helfen, gesund zu bleiben und auch im gesunden Zustand langfristig zu arbeiten.

Blauarbeit: Sie haben mal gesagt, Rückenschmerzen sind kein Schicksal, aber viele empfinden das trotzdem so.

Grönemeyer: Ich habe aber auch gesagt, auf die Haltung kommt es an. Und damit meine ich eigentlich: Wie stehe ich zu meinem Körper? Wie trainiere ich meinen Körper und wie achte ich auf meinen Körper? Hier spielt Achtsamkeit eine große Rolle, ein sehr verbrauchtes Wort mittlerweile. Aber Achtsamkeit im Sinne von „Achte auf dich selbst“, auf die innere Haltung. Also wie ich mit mir umgehe, wie ich mit mir selbst, mit der Arbeit, mit meinen Möglichkeiten, die ich habe, umgehe, prägt auch die äußere Haltung. Wenn ich merke, der Druck im Nacken führt eigentlich dazu, dass ich die Schultern hängen lasse, dass ich den Rücken krümme und einen Buckel mache, hilft mir das nicht, eine schwere Arbeit lange zu verrichten. Wenn ich herangehe und sage „das schaffe ich“, in dem Moment nehme ich – auch gefühlt – die Schultern zurück, „die Brust raus“, stelle mich aufrecht hin und gehe mit einer ganz anderen inneren und äußeren Haltung an das zu lösende Problem heran. Das gilt nicht nur für den Handwerker und die Handwerkerin, sondern es gilt für alle Menschen in jeder Form des täglichen Lebens. Von daher ist „Rücken“ kein Schicksal. Selbst bei jemandem, der mit einer Skoliose zur Welt kommt, also eine Verkrümmung der Wirbelsäule. Das ist dann in dem Moment nicht die beste Grundlage, aber auch ein solcher Mensch kann rückenschmerzfrei durchs Leben kommen, wenn er das einfach im Blick hat und für und selbst herausfindet, was ihm guttut.

Blauarbeit: Wenn wir über das Thema „Prävention“ sprechen, wie ist das denn mit ergänzendem Sport? Bei Handwerkern ist das oft ein wenig schwierig. Jetzt hat man schon acht Stunden geschuftet und soll trotzdem noch eine Runde joggen gehen. Aber sinnvoll wäre es trotzdem, oder?

Grönemeyer: Ja, ich verstehe das völlig. Es gilt für den Handwerker genauso wie für jeden, der im Büro sitzt oder eine andere Arbeit macht: Irgendwann ist es mal gut! Mein Tipp dafür ist erstens: Nach acht Stunden erst mal einen Moment Ruhe haben, Pause machen. Einfach mal sacken lassen, mal ein bisschen zur Ruhe kommen. Muskulär und auch mental. Auch der Kopf muss mal Ruhe kriegen. Dann herausfinden: Was entspannt mich eigentlich? Wenn ich als Handwerker den ganzen Tag im wahrsten Sinne des Wortes „malocht“ habe. Dann zu gucken, was hilft mir eigentlich in der Entspannung? Der Fitnessclub ist vielleicht nicht gerade das Richtige in dem Moment. Man hat schon den ganzen Tag körperlich gearbeitet. Vielleicht einfach mal entspannt Fahrrad fahren oder Spazieren gehen. Das ist auch Sport. Es schafft nicht so viele Kalorien weg, aber es ist einfach. Es tut dem Körper gut, tut dem Gemüt gut. Mit dem Hund rausgehen ist sicherlich auch sehr förderlich, um mit sich selbst auch ein Stück weit ins Reine zu kommen. Leichtes Joggen oder leichte Dehnübungen finde ich persönlich gut. Dafür brauche ich kein Fitnessstudio und wenn ich langsam ein bisschen laufe, ist das auch wunderbar. Und wenn man meint, dass man den ganzen Tag muskulär gearbeitet hat, dann tut ein bisschen Ausdauer gut. Dann fange ich an zu traben, zu walken, zu laufen, zu joggen,  sogar Zwischenspurts einzulegen. Da muss jeder seinen Weg finden. Und sich mit anderen Menschen zu treffen, wenn es denn wieder möglich ist, erfreut die Seele und trägt zur Entspannung bei.

Blauarbeit: In einem Ihrer Bücher sagen Sie, Sie setzen viel auf Eigenverantwortung des Patienten. Wie kann diese zum Heilungsprozess beitragen?

Grönemeyer: Also nehmen wir an, es zieht wahnsinnig im Rücken, vielleicht zieht der Schmerz ein Stück weit ins Bein, dann gilt es das rauszufinden: Muss ich zum Arzt oder kann ich mir nicht selbst helfen? Kann ich mich nicht selbst heilen? Also rausfinden, was ist das eigentlich für ein Schmerz? Verändert der sich, wenn ich mich ein bisschen dehne, wenn ich den Körper ein bisschen drehe oder wenn ich mich bewege oder laufe. Häufig hilft das, wenn man Rückenschmerzen hat oder morgens einen Anlaufschmerz.  Der findet sich zunehmend bei Menschen, die ein bisschen älter sind, oder kontinuierlich fehlbelastet sind.  Man kann dann kleine Verkalkung der Gelenke entwickeln, wir nennen dies Arthrose. Diese kann das  Hüftgelenk betreffen, auch in den Wirbelgelenken kann so eine Arthrose stattfinden. Dann macht morgens häufig ein Anlaufschmerz Probleme, und wenn man sich bewegt, geht der weg. Ein Gelenk will bewegt werden! Es ist nicht immer gleich die Bandscheibe, die einen belästigt. Denn jeder denkt bei Rückenschmerzen sofort: Boah, Schitt, das ist bestimmt die Bandscheibe, morgen muss ich operiert werden.

Oh, Panik. Jetzt muss ich zum Arzt und bis dahin bewege mich lieber nicht mehr, denn ich könnte ja morgen gelähmt sein. Diese Angst hat man vor Augen. Da kann ich nur sagen: Leute, ruhig bleiben. Nur drei Prozent aller Rückenschmerzen kommen von der Bandscheibe, 80 Prozent sind Muskelschmerzen, Verspannungen, zehn Prozent Gelenkschmerzen. Wenn ich das schon mal weiß, und da komme ich auf die Eigenverantwortung, dann kann ich doch versuchen, meine Muskeln zu entspannen und zu dehnen. Unter die heiße Dusche stellen, ein schönes Bad nehmen, in die Sauna gehen, vielleicht von der Frau, vom Freund, Freundin, Ehepartner massieren lassen oder gezielt zum Masseur gehen. Alle zwei Wochen, sich mal schön körperlich verwöhnen lassen und gleichzeitig die Muskeln entspannen. Das wär‘s. Bei 80 Prozent. Das gilt für den Handwerker genauso wie für den Nichthandwerker. Später erst gibt’s den – ich nenne ihn mal – den „Verschleiß“ der Wirbelsäule. Ein Verschleiß der Wirbelkörper und -gelenke oder dadurch bedingte Vorwölbungen der Bandscheiben müssen nicht operiert werden, die kann man bremsen. Wenn man sich anders verhält, kann man den „Verschleiß“ in Schach halten. Und die Bewegung hilft letztendlich, die Gelenke oder Bandscheiben fit zu halten. Egal, welche. Und wenn ich dann trotzdem immer mehr Schmerzen habe, dann ist der Arzt gefragt. Ich würde immer erst zum Masseur oder zum Physiotherapeuten gehen, und dann erst zum Arzt.

In drei Prozent der Fälle ist dann auch mehr nötig: Bandscheiben, Arthrose, Gelenke, Wirbel oder Hüftgelenke. Dann kann man mit einfachen ärztlichen Maßnahmen behandeln. Operationen stehen weit hinten an. Dafür bin ich bekannt. Ich arbeite mit der Mikrotherapie, habe sie erfunden: Ein ganz kleiner Eingriff, unter Sicht. Mit Hilfe der Computer- oder Kernspintomographie ans Gelenk gehen, an die Bandscheibe, an die Wirbelsäule. Mit Medikamenten lokal arbeiten und wenn man muss, vielleicht auch ein bisschen invasiver werden. Mit Miniinstrumenten. Aber bevor man wirklich ins Krankenhaus gehen muss, ist der Weg lang. Vieles kann ambulant passieren. Nach wie vor. Dafür habe ich immer gekämpft und auch für die Rolle des Hausarztes, der einen dabei gut als Copilot begleitet.

Blauarbeit: Das heißt, es ist gar nicht so viel Panik nötig, wie man manchmal meint?

Grönemeyer: Überhaupt nicht. Also Panik vermeiden ist das Wichtigste. Jede Panik macht auch wieder körperlichen und mentalen Stress. Mentaler und körperlicher Stress führt dazu, dass man sich muskulär wieder anspannt, und dadurch wird der Schmerz gleich noch viel stärker. Deswegen erst einmal eigenverantwortlich nachdenken: Hast du das nicht schon häufiger gehabt? Wodurch könnte es entstanden sein? Und was mache ich jetzt? Und da sag ich immer. Bewegen, bewegen, bewegen. Es gibt ein Motto von mir: Turne bis zur Urne! Also bis man sogar 100 ist oder 110, wenn man so alt vielleicht werden darf. Was toll wäre, mit klarem Kopf und guter körperlicher Gesundheit oder Wohlbefinden würde ich das auch gerne werden. Bewegung, Wärme, Massagen und Entspannung. Damit kannst Du Dir schon sehr viel selbst helfen.

Blauarbeit: Und wann ist der Punkt erreicht, an dem man tatsächlich zum Arzt gehen sollte?

Grönemeyer: Immer dann, wenn Lähmungen entstehen. Also immer, wenn man irgendetwas nicht mehr spürt. Kribbeln gehört erst mal nicht dazu. Wenn ein Kribbelgefühl bleibt und nicht stärker wird und es sich durch Bewegung verbessert, ist es gut. Sobald aber Bewegung nicht mehr hilft, Wärme nicht mehr hilft, und vor allem bei bestimmten körperlichen Tätigkeiten der Schmerz zunimmt, ist der Arzt gefragt. Keine Angst, sondern bewusst mit diesen Schmerzen umgehen und darauf achten: Wenn ich gelähmt bin, wenn der Schmerz ganz schnell mehr wird und auch die Lähmung zunimmt, dann ist höchste Eile geboten. Aber das ist in den wenigsten Fällen der Fall.

Blauarbeit: Ein Problem unserer heutigen Zeit ist ja der sogenannte „Handynacken“. Das ist ein Problem, nicht nur für Handwerker. Was versteht man darunter?

Grönemeyer: Das kommt noch dazu. Der Handydaumen, weil man damit immer „rum dudelt“, der Handynacken, weil man immer runter guckt. Das kommt erschwerend dazu. Das machen wir alle. Beim Handwerker kommt diese Last obendrauf. Wir wissen heute, wenn wir nicht geradeaus schauen oder den Kopf in seiner Haltung entspannen, dass wir, wenn wir ständig nach unten schauen und den Hals abknicken, eine Last von bis zu 26 Kilo im Nacken tragen. Man kann man sich das nicht vorstellen, dass dann dieses Gewicht auf der Bandscheibe lastet. 26 Kilo! Das ist ein Junge oder Mädchen um die zehn Jahre, die man dann ständig auf Schultern trägt. Dann fängt man an, Bandscheibenschäden oder einen Buckel zu entwickeln. Die kleinen Gelenke fangen an zu „verrosten“. Denn sie versuchen, sich selbst zu schützen, indem sie Verkalkungen, Arthrosen, zur Stabilisierung bilden. Also müssen wir gegensteuern. Gegensteuern heißt beispielsweise, das Handy beim Sprechen horizontal vor die Augen zu halten und dabei zu sprechen wie Asiaten es machen. Oder mit Kopfhörern arbeiten, was sowieso besser ist. Die Wärmeentwicklung ist schon nicht ohne, die man bei längerem Telefonieren am Ohr hat. Da kommen wir wieder auf das Thema Eigenverantwortlichkeit zu sprechen: Es wissen, und dann besser machen.

Blauarbeit: Was ist für den Rücken heutzutage gefährlicher? Ein Bürojob oder ein Job im Handwerk?

Grönemeyer: Bürojob!  Wir sitzen rum und machen nichts mehr. Die körperliche Tätigkeit im Handwerk, ob mit Maschine oder ohne, ist erst mal etwas tolles. Und zweitens, dass sage ich jetzt mal als „Bevölkerungsmitglied“: Wir müssen das Handwerk auf Händen tragen! Wir müssen dafür Sorge tragen, dass junge Menschen gerne wieder einen Handwerksberuf lernen. Wir alle wissen, dass wir zuhause oder wo auch immer, auch in der Medizin, ohne Handwerk verzweifeln würden und nichts machen könnten.  Zunehmend bewegungslos, „leblos“ und dadurch sicherlich nicht gesünder würden, wenn wir nicht Unterstützung bekommen von den verschiedensten tollen Handwerkern und Handwerkerinnen und den enormen Möglichkeiten des Handwerks. Kein Haus würde gebaut, keine Waschmaschine repariert. Deshalb plädiere ich ganz stark für die duale Ausbildung. Ich würde gerne Initiativen unterstützen, die sich das ich auf die Fahnen schreiben. Unsere Kinder müssen gerne in die Schule gehen, parallel dazu zukünftig ein Handwerk lernen und sich gleichzeitig umfassend bilden.

Dafür soll man lieber zwei Jahre länger zur Schule gehen und mit 19 statt mit 17 Abitur machen, dafür hätte man eine handwerkliche Lehre absolviert. Und dann werden hoffentlich viele junge Menschen nicht mehr meinen, sie müssten jetzt auch noch Jurist oder Betriebswirt werden. Im Gegenteil. Meist haben sie häufig ganz andere Fähigkeiten, die sie bisher gar nicht entdeckt haben. Dafür wäre die duale Ausbildung das Entscheidende.

Das Handwerk ist die Zukunft unserer Gesellschaft. Weltweit. Und ich bin froh, dass es euch alle gibt. Ich unterstütze euch, wo ich kann und würde es jederzeit auch öffentlich propagieren: Lasst uns die duale Ausbildung nach vorne bringen und auch jungen Menschen eine ganz andere Perspektive geben. In diesem Sinne: Bleibt fit und fröhlich, wohlgemut und tatkräftig weiterhin.

Blauarbeit: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Grönemeyer.

Foto: Claudio di Lucio

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